Zum Freiwild erklärt

Das Seefeldquartier in Zürich hatte schon in den 60er Jahren einen Strassenstrich. Als Mitte 70er Jahre das Salonverbot aufgehoben wurde, ging dieser zwar zurück und wurde von den Profisexworkern nur noch gelegentlich genutzt. Ende der 80er Jahre kamen vermehrt Drogenkonsumierende Sexworker ins Zürcher Seefeld, um dort zu arbeiten. Einige waren schon immer Profis gewesen, die eben auch Drogen konsumierten, andere kamen nur, um sich das Geld für Drogen zu beschaffen.

1989 wurde vom Sozialamt der Stadt Zürich unter der damaligen Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr das Projekt „Lila Bus“ im Seefeld installiert. Es war die erste Frauenanlaufstelle im Suchtbereich dieser Art. Der Bus stand tagsüber im Quartier und öffnete seine Türen erst um 22 Uhr. Bis 5 Uhr morgens stand er ausschliesslich Frauen zur Verfügung. Drogenkonsumentinnen konnten das niederschwellige Angebot nutzen, um sich mit Kondomen einzudecken, Spritzen zu tauschen, sich zu waschen oder etwas essen oder trinken.
Ab 1990 bot der Bus auch jeweils Samstag Nachts Prostitutionsberatung an. Diese Prostitutionsberatung deckten ich und eine andere Ex-Sexworker ab.
Wir berieten die Frauen hauptsächlich in der Frage, wie man Gewalt von Freiern verhindert.

Auf dem Platzspitz und beim Letten enstand damals gerade die grösste offene Drogenszene der Schweiz. Die Frauen, die sich ihr Geld für die Drogen via Sexarbeit beschafften kamen ins Seefeld, weil sie dort im Gegensatz zum Sihlquai, das sich in unmittelbarer Nähe des Platzspitzparkes befindet in Ruhe arbeiten konnten. Es gab zwar vereinzelt Polizeikontrollen, aber die kümmerten sich in erster Linie um Freier.
„Grober Unfug“ oder „Unnötiges Herumfahren im Quartier“ waren die Straftatbestände, derentwegen unschlüssige, oder auffällige Freier gebüsst werden konnten.

Es gab damals wie auf allen Autostrichen schon Männer, die nur zum Gaffen kamen. Es gab aber vereinzelt auch Freier, die in dieser Anonymität des Autosex ihre Gewaltphantasien ausleben wollten. Die Vorfälle und die entsprechenden Autonummern wurden jeweils den Betreiberinnen des Busses gemeldet und eine Liste mit potentiell gefährlichen Freiern, oder solchen die nicht zahlen wollten lag dort auf.

Der Lila Bus war etwas völlig Neues und verständlicherweise interessierten sich die Medien dafür. Eine Dokumentation und ein Rundschaubericht machten den Anfang der Berichterstattung. Die Absicht dahinter war wohlwollend. Man wollte einerseits aufzeigen, dass man wie in anderen Städten Drogenkonsumenten über niederschwellige Angebote von der Strasse holen und betreuen konnte und das Mitgefühl für die Drogenkonsumierenden Sexworker fördern.

Doch dann übernahmen Boulevardzeitungen, allen voran der „Blick“ dieses Thema ebenfalls. Sie berichteten über die Opfer in Sensationsheischender Form.
Die Drogenpolitik setzte damals mehr und mehr auf Repression. Die Frauen konnten keine Anzeige gegen Freier mehr erstatten, ohne selber von der Polizei wegen illegalem Drogenkonsum und illegaler Prostitution (Der Seefeldstrich war bis dato nur geduldet, aber nicht in der Strichzonenverordnung aufgeführt) Über solches und über die Hilflosigkeit der Sexworker am Sihlquai wurde in den Printmedien berichtet.

Das führte zu einer Art Sextourismus innerhalb der Schweiz. Waren bis anhin nur jene Freier ins Seefeld gekommen, die Drogenkonsumentinnen wegen ihrer scheinbaren Unprofessionalität und ihres jungen Alters bevorzugten (die Frauen vermittelten diesen Freiern das Gefühl, nicht Kunde sondern väterlicher Freund zu sein) kamen sie nun aus der ganzen Schweiz. Gut erkennbar an den Autonummern. Und sie kamen, um sich auszutoben. Hatten sie doch in der Zeitung gelesen, dass die Frauen, Freier nicht anzeigen konnten, dass die Preise niedrig waren und dass man alles bekommen kann, was man will.

Die Gewalt nahm massiv zu. Frauen wurden geschlagen und teilweise auch sadistisch gequält, ausserhalb der Stadt abgesetzt, man raubte sie aus und nahm ihnen das Koks weg. Da es in der Zeitung gestanden hatte, suchten sich viele dieser Freier, gezielt Frauen aus, die auf dem Entzug waren und es sich nicht leisten konnten, einen Kunden abzulehnen und auch wenn sie ein ungutes Gefühl hatten in jedes Auto einstiegen. Besonders pervers fand ich, dass auf der Liste im Bus plötzlich viele Kleinwagen auftauchen,die mit dem Vermerk versehen waren, „hat Kindersitz auf dem Rücksitz“.

Die repressive Drogenpolitik hatte die „Opfer“ zu Freiwild erklärt, die Presse sorgte dafür, dass der Mob es erfuhr und im Wissen, keine Strafverfolgung befürchten zu müssen die Jagd eröffnete.

Zunehmend beschwerten sich Anwohner über die Schreie der Frauen. Der Lila Bus wurde 1992 geschlossen. Die Anlaufstelle an die Zollstrasse verlegt.

Nach der Platzspitzschliessung hörten viele Drogenkonsumentinnen mit dem anschaffen auf. Sie kamen ins Drogenabgabeprogramm und waren nicht mehr auf das Geld angewiesen. Jene, die weiterhin arbeiteten, weil sie Geld für anderes verdienen wollten, kehrten ans Sihlquai zurück.

Dort sollte sich das Ganze wiederholen. 2010 verschwanden mehr und mehr die billigen Absteigen im Quartier und die Sexworker mussten wieder Sex im Auto des Kunden anbieten. Sie wichen dafür auf Hinterhöfe und ruhig gelegene Parkplätze aus.
Das Sozialamt der Stadt eröffnete wieder eine mobile Anlaufstelle namens „Flora Dora“, doch denen ging das gewohnte Klientel aus. Die wenigen noch verbleibenden Drogenkonsumentinnen wurden bald von den Ungarinnen und Rumänien, die mit 3 Monatebewilligungen für EU-Mitglieder in die Stadt kamen um anzuschaffen, vertrieben. Profis vertreiben Drogenkonsumentinnen oder Gelegenheitssexworker nicht aus reiner Bosheit von Strassenstrichen. Sie tun das aus gutem Grund. Frauen, die auf Strassenstrichen arbeiten müssen sich wehren können. Frauen, die den Eindruck erwecken leichte Beute für zahlungsunwillige oder gewalttätige Freier zu sein, schaden dem Image des Strichplatzes und ziehen eben solche Freier an.

Die Stadt verzichtete aber lange darauf auch nur Toilettenhäuschen aufzustellen oder sanitäre Anlagen zu installieren. Die Anwohner beklagten sich mehr und mehr über Dreck auf den Strassen und über den Gestank. Mangels Absteigen oder anderer Möglichkeiten verrichteten die Arbeiterinnen ihre Notdurft in den umliegenden Gärten oder hinter Büschen und Hecken.
Von aussen entstand der Eindruck, die Stadt wolle, dass sich die Situation am Sihlquai verschlechtere oder gar eskalieren würde

Zur Eskalation trugen auch am Sihlquai die Medien bei. Die Gratiszeitungen „BlickamAbend“ und „20min“ berichteten über Preisverfall, böse Zuhälter und hilflose Opfer, „Roma“, die für Geld jede Art von sexueller Dienstleistung anboten. Ein 2012 erstellter Freierbericht der Stadt Zürich zeigte Erschreckenden auf. Freier, weigerten sich den geforderten Preis zu zahlen, zogen sich während des Geschlechtsaktes das Kondom wieder aus, beschimpften und schlugen die Frauen oder versuchten sie zu Praktiken zu zwingen, die diese nicht anboten. Die Autos der Gaffer -auch solche ziehen entsprechende Berichterstattungen an – fuhren hupend durchs Quartier, die Frauen wurden aus den Autos heraus beschimpft, bespuckt und mit Gegenständen beworfen.

Alleine schon die Betitelung „Roma“ für die Sexworker am Sihlquai liess eine Welle von Fremdenhass und Rassismus aufkommen und machte die Sexworker zu Opfer, die offiziell von der Gesellschaft als Freiwild freigebeben worden war.

Die Strategie ging auf, der Sihlquai wurde zur verbotenen Zone, in Altsstätten entstanden dafür die Sexboxen. Die Frauen wurden von der Polizei mit happigen Bussen vertrieben und im Sihlquai wurde es wieder ruhig.

Informationen sind eine heikle Sache. Oft ist es Medien- und Projektverantwortlichen nicht bewusst, dass Aufklärung über Missstände, auch völlig aus dem Ruder geraten können. Medien wiederum, die sich zu sehr auf Opferklischees konzentrieren und dabei ausblenden, dass es auch immer um Menschen mit einer Biografie, nicht einfach nur um Objekte geht, vergessen, dass sie mit ihrer Berichterstattung Opfer zu Freiwild machen. Gerade das genüssliche Ausbreiten von Elend, ob wirklich oder vermeintlich, Etikettierungen, die Fremdenfeindlichkeit und Rassismus fördern, fördern auch die Gewalt durch Täter, die sonst nicht in Erscheinung treten.

In der ganz normalen Arbeitswelt würde man das Mobbing nennen. Bei Sexworkern, bei Sozailhilfempfängern, bei IV-Rentnern, bei MigrantInnen und bei den Fahrenden hat dieses Mobbing genauso Existenzbedrohenden Folgen, wie bei denen, die in einem Betrieb arbeiten. Nur, dass man den Leuten nicht nur den Zugang zum dringend benötigten Einkommen erschwert oder verunmöglicht, sondern dass man ihnen generell auch noch die Existenzberechtigung abspricht. Und wer keine Existenzberechtigung hat, der ist Freiwild, mit dem darf Otto Normalverbraucher machen, was er will. Man schafft also mit fahrlässiger Politik und fahrlässiger Berichterstattung nicht nur Opfer sondern auch Täter.

Ein Artikel zum Thema aus der WOZ vom November 2012
Im distanziertem Gaffermodus

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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