Alles andere als geil

Ich habe 9 Jahre als Prostituierte gearbeitet. Sexworkerin trifft es eher. Ich habe es nämlich getan, um meine Miete und mein Essen zu bezahlen. Arbeit eben.

Das Geschäft lebt von den Versprechungen der ungebremsten sexuellen Erfüllung, der Freiheit und der Perversionen. Aber das ist ein Teil des Marketings. Sexworkerin tun das, was Ehefrauen nicht tun, aber es sind keine ausgefeilte sexuelle Praktiken, von Ausnahmen abgesehen. Es geht um ein Versprechen, das nie eingelöst wird. Das Versprechen von der erfüllten Sehnsucht. Nicht einfach der Sehnsucht danach bedingungslos geliebt und begehrt zu werden, sondern auch nur bestimmen können, von wem.

Sexuelle Befriedigung und kontrollierte Entspannung. Ein Widerspruch? Ja. Sexuelle Vereinigung ist auch immer ein sich hingeben, sich fallenlassen, sich dem anderen ausliefern mit Haut und Haaren. Das macht verletzlich, das macht Angst. Mit dem käuflichen Sex umgeht Mann das Problem.
Es gibt diese Dienstleistungen auch für Frauen, wird aber weniger nachgefragt, da die meisten Frauen schlicht nicht die Mittel dazu haben oder einfach nicht so draufstehen, dass Mann ihnen etwas vormacht.

Männer spüren auch,dass es nicht echt ist, aber in 9 Jahren hat nur einer zu mir gesagt: „Erspar dir das Gestöhne, ich weiß, dass es dir keinen Spaß macht.“ Die anderen redeten sich ein, es werde beim nächsten Mal, bei der Nächsten der ersehnte Kick kommen. Freier sind entweder nach dem ersten Mal enttäuscht und gehen nie wieder zu einer Hure, oder sie gehen regelmäßig. Es wird zur Sucht.

Das Schlimmste, was einer Frau als Prostituierte passieren kann, ist dass ein langjähriger Stammfreier sich in sie verliebt. Dann verliert sie nämlich einen Kunden. Die Zuneigung, die eine Sexworkerin gibt, ist nicht echt, sondern nur gespielt. Es ist nur ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Ich habe die Werbung verkauft und das Produkt verschenkt. Das Produkt eine sexuelle Dienstleistung. Ein paar Handgriffe, ein bisschen Stöhnen und Gymnastik mit den Geschlechtsteilen. So ein Akt dauert in der Regel 2- 7 Minuten. Darum geht’s so gut als „Drive in Geschäft“ auf dem Straßenstrich. Man kann vorfahren, sich eine Frau aussuchen und die Sache schnell im eigenen Auto hinter sich bringen. Bezahlt wird im Voraus – hinterher würde die meisten Männer das Geld reuen – und damit sind sämtliche weitergehende Verpflichtungen danach quasi vertraglich ausgeschlossen. Keine Gefühle, keine Bindungen, kein schlechtes Gewissen.

Es ist kein Job wie jeder andere, aber es ist nur ein Job

Eine Bekannte von mir, eine Krankenpflegerin wollte mal dabei sein und zuschauen. Kein Problem, es gibt Männer, die finden das geil und zahlen dafür auch extra. Sie stellte danach ernüchtert fest: „Das ist gar nicht intim. Nicht so intim, wie wenn ich einen Patienten wasche.“ Stimmt, darum habe ich auch nie Krankenpflegerin oder Friseuse gelernt. Körperliche Nähe ja, aber emotionale nein.

Wer Männer hasst oder sie verachtet kann den Beruf nicht ausüben. Eine Sexworkerin kümmert sich nicht nur auf intime Weise um die Bedürfnisse ihrer männlichen Kundschaft, sondern auch auf eine umfassende Art und Weise, wie es eine Ehefrau, Geliebte oder Partnerin nie tun würde. Das setzt voraus, dass Frau Männer mag. Es geht bei dieser Dienstleistung um ihn, nur um ihn, ausschließlich um seine Bedürfnisse, nicht um ihre.
Sie hat zu sagen, zu denken und zu fühlen, was er sich von ihr verspricht. Das heißt sie tut so als ob. Je perfekter, desto besser. Sie darf ihm nie das Gefühl geben, sie sei schlauer oder intelligenter als er. Und egal wie oder was er macht, sie hat es absolut geil zu finden. Sexworkerinnen sind ausgezeichnete Schauspielerinnen.

Der Trick ist, ihn so schnell wie möglich körperlich zu befriedigen und ihm gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, er, nur er, sei der Einzige, bei dem sie je einen Orgasmus hatte. Wer das seltene Glück hat, einen Freier persönlich zu kennen, wird genau das von ihm hören:“Bei mir ist es ihr wirklich gekommen“.

Je schneller frau einen Freier befriedigt hat, desto schneller geht er wieder. Das lernen alle sich prostituierenden Frauen, auch solche, die dazu gezwungen werden. Den Luxus etwas für die Kundschaft zu empfinden, egal ob Sympathie oder Antipathie oder Ekel, kann sich keine Sexworkerin leisten. Professionalität basiert auf der emotionalen Distanz, die frau entweder schon am ersten Tag lernt oder sie ist für den Job nicht geeignet.
Es ist ein Mythos, dass es massenhaft Zwangsprostituierte gibt. Diese Art von „Ware“ ist heikel. Die Investitionen größer als man denkt. Die Frauen müssen gewisse Kriterien erfüllen, man muss sie anwerben, einfach entführen geht nur im Film. Frauen sind keine Pferde, die man zureiten kann. Jede Frau kann ein Risiko darstellen. Menschenhändler haben ein Gespür dafür. Es will ja keiner mit einem Küchenmesser im Rücken enden.
Zwangsprostituierte können flüchten, sie können – wie in Zürich geschehen herausfinden, dass der Staat nicht korrumpierbar ist und Anzeige erstatten und sie können sich emporarbeiten und als Anwerberinnen für andere Frauen die Seiten wechseln. Die meisten sterben allerdings einfach früh. Weil sie keine medizinische Behandlung erhalten, nicht mehr genügend Geld heranschaffen oder zu einem Sicherheitsrisiko werden.

Die weit verbreitete Meinung, es gäbe mehr Zwangsprostituierte als professionell arbeitende Frauen ist nicht nur falsch, er ist gut fürs Geschäft. Viele Männer finden die Vorstellung geil, dass es Prostituierte gibt, die alles, einfach alles machen. In der Realität funktioniert das nicht so einfach. Jede Frau macht nur das, was sie machen kann, was sexuelle Praktiken betrifft und den Zuhälter, falls einer dahinter steht, interessiert nur die Kohle, die sie reinbringt. Weniger antörnend finden es die meisten Freier übrigens, wenn da jedes mal ein Typ daneben stehen würde.
Frauen mit Prügelflecken oder blauen Augen sind auch nicht gut fürs Geschäft. Also muss der Zwang schon subtiler erfolgen, was einzelne Sadisten ,wie die Ungarn, die in Zürich verurteilt wurden nicht ausschließt.

Debatten um Zwangsprostitution dienen dem organisierten Verbrechen. Sie lenken von rentableren Geschäften ab. Zwangsarbeiter auf dem Bau, in der Textilbranche und bei der Haushaltshilfe- und Pflege bringen mehr, da es sich dabei nicht ausschließlich um hübsche junge Frauen handeln muss und es sich nicht im öffentlichen oder halböffentlichen Raum abspielt.

Alle Sexworkerinnen als Zwangsprostituierte zu sehen, dient dem Bedürfnis der moralischen Überlegenheit einzelner. Die Frauen als Opfer zu sehen, macht es auch den Freiern einfacher. Sie sehen dann die Befriedigung ihrer Bedürfnisse (früher auf dem Drogenstrich eingelöst) als humanitäre Hilfeleistung. Jeder denkt, wenn ich gehe, dann muss sie einen anderen weniger machen. Einen dieser Sauhunde.

Freier reden nicht miteinander. Jeder denkt von sich die große Ausnahme zu sein. Außer ihm seien das alles emotionale Krüppel, Perverse oder einfach arme Teufel, die sonst keine Frau abkriegen. Jeder 4. Schweizer Mann ist statistisch gesehen ein Freier. Die meisten davon in einer intakten Beziehung oder verheiratet. Jeder sieht sich als die „Ausnahme“.
Am Phänomen der Prostitution sind 98,5% Freier und 1,5% Prostituierte beteiligt. Aber die Diskussionen drehen sich immer um die Frauen. Immer öfter, um die Frauen als Opfer, die somit als unselbstständig gelten. Praktisch für Behörden und Freier. Wer nichts wert ist, den muss Mann auch nicht respektvoll behandeln. Da wo Prostitution verboten ist, da werden die Prostituierten bestraft, die Freier brauchen also nicht zu befürchten, wenn sie einer solchen Frau Gewalt antun oder sie um ihren Lohn betrügen, dass sie dann angezeigt werden.

Kein System ist so perfekt mit Hilfe von Gesetzgebung und gesellschaftlicher Stigmatisierung darauf ausgerichtet, der Kundschaft alle Freiheiten zum geringst möglichen Preis zu gewähren, wie die Prostitution.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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8 Antworten zu Alles andere als geil

  1. Pingback: Prostitution !!! - Seite 16

  2. Pingback: Monatsabrechnung: Links des herbstlichen Sturmtiefs | Journelle

  3. 175g schreibt:

    Du hast einige Widersprüche im Text. Z.B.
    „Der Trick ist, ihn so schnell wie möglich körperlich zu befriedigen und ihm gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, er, nur er, sei der Einzige, bei dem sie je einen Orgasmus hatte. “
    versus
    „Erspar dir das Gestöhne, ich weiß, dass es dir keinen Spaß macht.“

    Auch das Freier nicht untereinander reden, ist völliger Unsinn. Tipps und Erfahrungen werden im RL und natürlich auch ganz viel per Foren ausgetauscht,

    Deine Sicht auf die Kunden ist sehr strange. Meine Erfahrungen sind deutlich anders
    Frage mich anhand einiger Stellen deines Textes ernsthaft wo du gearbeitet hast…u wieviel Ahnung du wirklich von Kunden hast

    • eidgenossin schreibt:

      Ich habe von 1982 bis 1992 in der Schweiz gearbeitet. An verschiedenen Orten u.a. auch kurz auf der Strasse und als Callgirl. Meist jedoch in sog. Salons.
      Wohnungen in denen 4-6 Frauen zusammen arbeiteten. Ein ganz kleiner Teil der Männer wollte tatsächlich, keinen vorgespielten Orgasmus. Fürden Rest war das
      der eigentlich Kick. Später habe ich in Beratungsprojekten für Prostituierte (Drogenkonsumentinnen, Migrantinnen) gearbeitet. Auch als Streetworkerin und kam da mit Freiern in Kontakt, die nie bei mir Kunde waren. Ihre Erzählungen deckten sich mit meinen Erfahrungen. Jeder ging davon aus, dass die Hure, bei der er gewesen war, einen Orgasmus hatte und zwar nur bei ihm.
      Ausgetauscht haben sich die Freier damals nicht. Es gab nur eine gedruckte Form eines Sexführers, wo Männer anony eine Bewertung abgeben konnten. Foren
      existierten noch nicht. Ansonsten waren Schweizer Männer sehr darauf bedacht, dass ihr Umfeld nicht erfuhr, was sie machen und auf der Grösse dieses Landes war die Gefahr gross, im Puff seinem Chef oder Nachbarn zu begegnen. Das wurde mit allen Mitteln vermieden.

      Es gab einen Lokalpolitiker, der Jahre danach geoutet wurde und mit dem ich in einer Fernsehdiskussion auftrat. Er hatte zur damaligen zeit keine Partnerin und dass akzeptierte man dann. Er wurde nach dem Fernsehauftritt wieder gewählt. Er blieb bis heute der Einzige, der sich öffentlich zu seinem Freiertum bekannte.

      Aber wenn Du andere Erfahrungen mit Kunden hast, kannst Du hier gerne darüber berichten. Ich würd mich freuen darüber zu lesen

  4. Sina schreibt:

    Als Sexworkerin finde es immer interessant, die Einstellungen von derzeitigen Kolleginnen und ehemaligen Sexarbeiterinnen zu sehen. In einigen Punkten empfinde ich es anderst als du, zb. dass man keine Sympathie zu Kunden haben darf. Ich finde die meisten meiner Kunden sympathisch, selbst wenn ich privat nicht mit ihnen Zeit verbringen würde. Allerdings habe ich auch den Luxus guter Stammkunden, wodurch ich nicht darauf angewiesen bin, respektlose oder sehr ungepflegte Männer zu treffen. Ich glaube nicht, dass Paysex für Kunden unbefriedigend oder eine Sucht sein muss. Sex mit einer Person, von der man weiss dass sie auf einen steht ist für die meisten sicher befriedigender, aber wenn das gerade nicht verfügbar ist kann Paysex ein guter Ersatz sein. Sex ist halt ein Grundbedürfnis, das kann man nicht einmal befriedigen und das war’s dann. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten meiner Kunden durch meinen Service oder dem von Kolleginnen an Lebensqualität gewinnen.

    Was ich aber auch gemerkt habe ist, dass einige Kunden das Gefühl haben sie seien die einzigen Anständigen, während alle anderen Kunden respektlose A***** sind. Diese Sicht scheint in der Gesellschaft relativ verbreitet zu sein, und die wenigen die wirklich respektlos oder gar gewalttätig sind bilden sich ein ihr Verhalten sei normal und ok. Das ist ein Grund, weshalb ich konservative bzw. radikalfeministische Ausdrücke wie „Frauen kaufen“ so schlimm finde- sie suggerieren Gewalttätern, dass Sex kaufen bedeutet, man könnte einen Menschen besitzen. Wo ich absolut widerspreche ist, dass die meisten Kunden Zwangsprostitution als vorteilhaft empfinden. Wenn man sich mal in Freierforen umschaut (zb. 6profi), sieht man eher unglauben, dass Zwangsprostitution überhaupt existieren soll. Denn alle Sexworkerinnen machen es ja nur, weil sie es so geil finden…und wenn eine laut stöhnt heisst das, dass man es ihr „richtig besorgt“ hat (augenroll). Aber das sind auch nur Einzelbeispiele. Kunden sind ein Querschnitt durch die männliche Bevölkerung, und entsprechend kann man meiner Ansicht nach nicht generalisieren.

    Was mich interessiert: Hattest du Kolleginnen, welche diesen Job tatsächlich geil fanden? Selbst wenn ich mich auf die Bedürfnisse der Kunden konzentriere, so lebe ich mich bei dieser Tätigkeit auch selbst sexuell aus. Ich kenne viele Kolleginnen, denen es ähnlich geht. Ich habe gehört, dass es in früheren Jahrzehnten innerhalb der Branche verpönt war, als Hure Spass am Sex zu haben. War das zu deiner Zeit so?

    • eidgenossin schreibt:

      Es timmt zu meiner Zeit war es verpönt. Das heisst nicht, dass es mal einer Frau gefiel, aber darüber sprach man nur mit der intimsten Freundin und es kamm selten vor. Als ich anfing, arbeitete da eine, die es reiner Geilheit machte. Das Problem war, sie hielt dann Zeiten und Preise nicht ein und flog relativ schnell raus. Wenn mehrere Frauen in einem Wohnungsbordell arbeiten oder in einem Haus, in dem es Wohnungsbordelle hat, müssen gewisse Arbeitsregeln eingehalten werden. Denn komischerweise sprach sich das schnell rum, wenn eine unter Preis arbeitete oder gar mit einem Kunden küsste.
      Natürlich haben wir in unseren Inseraten immer deklariert, dass wir das aus Spass an der Sache machen und als ich damals öffentlich darüber sprach, wie es wirklich ist, habe ich mir Ärger mit Berufskolleginnen eingehandelt. Meinem Geschäft tat das keinen Abbruch, die kamen in den Salon und wolten die aus der Zeitung oder der Fernsehsendung. Haben völlig ausgeblendet, dass ich nicht nur schmeichelhaft von Freiern gesprochen habe.
      Aber an mich herangelassen habe ich keinen. Habe mich auch nie in einen verliebt oder kam auf meine Kosten. Aber darum ging es ja nicht. Es war Arbeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiente. Privat hatte ich während und danach den vorteil, ddass es da wirklich um meine Befriedung ging und nicht um seine. Ich wurde gewissermassen wählerisch und bin letztlich sehr gut damit gefahren.

  5. ontologix schreibt:

    Ein höchst glaubwürdiger Artikel, da aus eigener Erfahrung geschrieben. Der Artikel ist aber auch sehr ernüchternd. Den sollte mal Alice Schwarzer lesen, die immer wieder behauptet, dass praktisch alle Prostitution Zwangsprostitution sei.

  6. sunflower22a schreibt:

    Sehr angenehm zu lesen, gratuliere zu deinem Text! Es ist eeben alles bei weiten nicht so reißerisch wie es in den Medien diskutiert wird und von den Kreuzzüglerinnen gegen Prostitution hingestellt wird. Eine Art Geld zu verdienen, mit vielen Nachteilen und auch vielen Vorteilen. Und jede geht damit anders um.

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