Meditation macht einem nicht den Haushalt

Eine Freundin erzählte mir heute, ihr Sohn, der in eine Privatschule geht, hätte sich über die Meditationslehrerin beschwert: „Wir mussten heute in den Wald gehen und im Stehen meditieren. Dazu mussten wir die Augen schliessen.“
„Zum meditieren muss man die Augen schliessen“
„Ja aber das ist verdammt blöde, wenn einem dabei die Mücken stechen.“
Er sei von oben bis unten verstochen gewesen, sagte die Freundin und dass sie nicht verstehe, wozu man kurz vor einem Gewitter, wenn Mücken bekanntermassen besonders aggressiv sind, mit Schulkindern zum meditieren in den Wald gehe. Ausserdem fügte sie hinzu, verstehe sie ihren Sohn. Sie könne die Augen auch nicht schliessen, zum meditieren, sich fallenlassen und so. Dabei wisse sie doch, dass Meditation gut sei.
Ich fragte sie: „Und was bringt Dir Meditation? Macht sie Dir den Haushalt?“
„Nein, aber es soll ja entspannen und einem dann mehr Energie geben“
„Und dann macht sich der Haushalt von allein?“
„Nein natürlich nicht, aber entspannen ist schon gut.“
„Dann trink ein Bier, das entspannt auch oder leg Dich hin und schau fern. Nicht irgendwas, sondern eine Serie, die einen regelmässigen Bildschnitt hat. StarTrek ist ganz gut, noch besser ist ein Autorennen. Meiner sagt immer, dazu könne er am besten schlafen.“

Ich habe das mit meditieren und Yoga aufgegeben, als ich merkte, egal wieviel ich mache, um meinen inneren Frieden, mehr Energie zu finden oder der Erleuchtung näher zu kommen, als ich merkte, es reicht nicht dazu aus, um den Müllsack telepathisch vor die Haustüre zu platzieren. Ja, es löst überhaupt meine Alltagsprobleme nicht. Trotz felsenfester Überzeugung ich von allem Materiellem lösen zu müssen, das Materielle verschwand durch Verleugnung nicht aus meinem Leben. Ich wollte in einem Bett schlafen und in einer Wohnung, nicht auf der Strasse und Hunger macht mich sehr schnell schwach. Einmal fasten hat mir in meinem Leben gereicht. Zur Läuterung von Idealen und romantischen Wunschvorstellungen darüber wie das Leben sein sollte, war es der beste Weg. Ich habe irgendwann zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr all den esoterischen Krempel in meinem Kopf in einen symbolischen Müllsack gesteckt und diesen vor die Türe gestellt und meinen Haushalt auf Vordermann gebracht.
Und siehe da, mein Leben wurde nicht besser, aber ich kam besser damit klar.

Ich tat das, was die meisten Leute in meiner Umgebung auch taten, ich arbeitete, um Geld zu verdienen und das Glück war mir hold, ich hatte zwei Jobs, die mir auch noch Spass machten. Irgendwann beschloss ich von einem Tag auf den anderen mit Rauchen aufzuhören, weil es ungesund ist, weil Kleider und Haare immer nach Rauch riechen und einfach weil ich es wollte.
Ich ging regelmässig schwimmen, weil ich gerne schwimme und ein ich Bad gefunden hatte, in dem es kaum Publikumsverkehr und keine schreienden Kinder hatte. Dass mich gewisse Geräusche und sehr hohe und sehr tiefe Töne derart zu stören begannen, dass ich ihnen auswich, schrieb ich dem Alter zu. Nur dass mich Schwimmen leistungsmässig nicht steigern konnte, ja sogar immer schneller und in kürzeren Abständen ausser Atem geriet und dazu noch unerträgliche Kopfschmerzen bekam, verstand ich nicht. Ich hatte aufgehört zu rauchen, ich sollte eine bessere und nicht schlechtere Lungenkapazität haben. Abklärungen ergaben, es lag weder an der Lungenkapazität noch am Blutdruck, noch an was anderem. Ich galt als kerngesund, was meine Werte betraf. Ich litt weder an einer Allergie, noch an irgendeiner Viruserkrankung und auch mit meinen Augen, auf der Seite, auf der meine Kopfschmerzen hatte, tränte das Auge und es brannte oder schmerzte jeweils auch.
Ich nahm Aspirin und auf Empfehlung von Freunden das „Hausmittelchen“, das bei Migräne angeblich so gut sei. Haschisch. Nach einem Jahr stellte ich die Wasserpfeife ins Regal und begann wieder Zigaretten zu rauchen. Das Hausmittelchen hatte nicht nur nicht geholfen, es hatte es schlimmer gemacht. Dasselbe galt für autogenes Training (bei geschlossenen Augen) Meditationen und anderen Entspannungsübungen.
Statt mich hinzulegen begann ich herumzutigern, oder lief in der Gegend herum. Das half etwas. Das Zigaretten und Kaffee linderten meine Qualen, insbesondere Nachts, wenn ich zwar vom Schmerz völlig erschlagen war, aber trotzdem nicht einschlafen konnte.

Alle hatten ein Heilmittel parat, jeder kannte einen Homöopathen, nicht irgendeine, sondern den einzig richtigen, dasselbe galt für Akupunktur, Craniosacrale Therapie, Atlaslogie und Kinesiologie und, und, und. Ich habe alles ausprobiert, was mir Freunde und Bekannte anboten, aufdrängten und natürlich immer mit der Hoffnung es helfe. Ich schluckte tonnenweise Brufen, das manchmal nach einer halben Stunde half und manchmal auch nicht.
Ich machte jede noch so abstruse Therapie mit, ging zu Wunderheilern, die einem in schmuddeligen Zimmern empfingen und mir ihre schmutzigen HÄnde -die Hände waren immer schmutzig – auf den Kopf legten und schluckte zum Leidwesen meiner jeweiligen Freundinnen oder Bekannten weiterhin Brufen.
Nach 7 Jahren bekam ich ein neues Medikament verschrieben. Imigran, ein neues Migränemittel. Es half noch weniger als Brufen, ich brachte die angebrochene Packung zurück in die Apotheke. Die Apothekerin sagte mir, es gäbe dasselbe Mittel auch als subkutane Injektion. Unter die Haut gespritzt mit einem ähnlichen System, wie Diabetiker Insulin spritzen, würde es schneller wirken. Die Vorstellung mir selber Spritzen zu setzen, auch wenn ich dabei keine Spritze in der Hand hielt und keine Nadel sah, hielt mich genau eine Woche ab, dann war der Schmerz stärker und ich sprang über meinen Schatten. 10 Minuten später war ich schmerzfrei. 2 mal pro Tag eine Dosis, schrieb der Pharmahersteller vor, für mehr würde keine Verantwortung übernommen. Zwei, drei Monate hielt ich mich brav daran und schluckte dazwischen Brufen. Dann fragte ich den Apotheker, ob es meine Nieren schädigen würde, wenn ich mehr nehmen würde. Diese neue Generation von Medikamenten würden weder Magen-Darm schädigen ,wie es bei Brufen, Aspirin und Konsorten der Fall ist, noch Leber und Niere belasten. Ich nahm nur noch Imigran verscherzte mir Freundschaften, weil ich therapiemüde jede weiteren alternativen Therapien, Änderungen meines Ernährungsstils oder so Unsinn wie meine Wohnung Feng Shui gerecht einzurichten ablehnte. Ich war therapiemüde und ich hatte etwas, das mir half, das dafür sorgte, dass ich 3-4 Stunden am Stück schlafen konnte, bevor mich die nächste Schmerzattacke weckte. Ich konnte mich wieder dem Leben und der Suche nach einem Liebhaber widmen.
Ich – in der Zwischenzeit wegen schwerer therapieresistenter Migräne zu 100% arbeitsunfähig und IV-Bezügerin – begann wieder auszuprobieren, ob es eine Arbeitsmöglichkeit gab, die sich rund um die Krankheit arrangieren liess. Aber dazu kam es nicht.
Die Krankenkasse befand, das Medikament als zu teuer, bezog sich auf der Packung vorgeschriebene Maximaldosis und verlangte, dass ich zur Abklärung in eine Klinik gehe. Da wollte man einen Entzug des Medikamentes durchführen, weil ich nun angeblich keine Migräne, sondern Schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz hätte. Ich habe Jahre später herausgefunden, dass Medikamenteninduzierter Kopfschmerz eine aus Amerika importierte Diagnose war, die hier ungeprüft auf unsere rezeptfreien Schmerzmittel, alles reine Entzündungshemmer übertragen worden waren. Diesselben Medikamente, die bei Rheuma und Arthrose unabhängig von der eingenommen Menge diese Beschwerden nicht verstärkten und bei den Betroffenen auch keine Kopfschmerzen auslösten. Irgendwann ist das einem medizinischen Forscher aufgefallen und er fand heraus, dass in Amerika, Schmerzmittel Opiate, Barbiturate oder Benzodiazepine enthalten. Diese Betäubungsmittel in Kombination in Präparaten (bei uns schon seit Jahrzehnten nicht mehr zugelassen) oder in Kombination mit Kopfschmerzmitteln verursachen einen zusätzlichen Kopfschmerz. Imigran ist weder ein Opiathaltiges Mittel, noch ein Schmerzmittel. Es ist gefässverengendes Mittel, das die Gefässe nur im Kopf verengt und noch einiges anderes macht, das eine Migräneattacke, aber keine Spannungskopfschmerzen bekämpft.
Ich sollte 4 Wochen kein Imigran mehr nehmen und schrittweise reduzieren. Nach drei Wochen hatte ich von der schrittweisen Reduktion die Nase voll und setzte das Mittel ganz ab. Nach drei Tagen haben sie es bemerkt. (!) In der Zeit hatte sich mein Weltbild schon verändert, was Männer in weissen Kitteln und deren Fähigkeiten betrifft.
Ich setze mich durch. 4 Wochen kein Imigran. Man gab mir als Ersatz das für meine Schmerzen wirkungslose damals neu auf dem Markt gekommene Vioxx. Es wurde zwei Jahre später verboten, weil es genau das auslöste, was man bei Imigran befürchtete. Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Ich nahm es nur etwa zwei oder drei Mal. Melleril ein Neuroleptika das mehrere Todesfälle durch Schlaganfälle verursachte und ebenfalls zwei oder drei Jahre später vom Markt genommen wurde, nahm ich zwei Tage lang, dann nur noch abends, um schlafen zu können.
Da der „Entzug“ des Imigrans nicht die gewünschte Wirkung erzielte, meine Kopfschmerzanfälle gingen nicht zurück, versteifte man sich auf die Diagnose „emotionale Instabilität“ früher nannte man es „Hysterie“. Ich kannte diese Schuldzuweisung schon von den Akupunkteuen und Homöopathen. Wenn ihre Mittelchen und Methoden nicht funktionierten, machte ich etwas falsch. Löste das Mittel falsch auf, drehte den Löffel beim verrühren in die falsche Richtung oder glaubte einfach nicht genug an den Erfolg.

Ich verabschiedete mich endgültig vom Glauben, aus der Klinik (in der ich 3 Monate verbrachte) und lebte ein halbes Jahr mit zwei Dosen Imigran pro Tag, bis ich vor lauter Übernächtigung fast einen Unfall baute. Ich bat meinen Hausarzt mir ein Schlafmittel zu verschreiben. Das war gar nicht so einfach. Auch in der Klinik haben sie mal versucht mich mit Morphium ruhig zu stellen. Es brauchte drei Injektionen bis ich einschlief.
Rohypnol, das einen Elefanten umgehauen hätte, hielt mich 24 Stunden hellwach. Das 5. Mittel, ein Benzodiazepin, ein altes Medikament, schlug an. Und es schlägt noch immer an. Seit mehr als 10 Jahren in der unverändert gleichbleibenden Dosis. Ich schlafe zwar nicht sofort ein, aber irgendwann hängts da an den Rezeptoren ein und ich schlafe 4- 6 Stunden durch.
Der Kampf mit der Krankenkasse dauerte drei Jahre, dann gewann ich auch vor Bundesgericht und seither muss sie ds Medikament unlimitiert bezahlen.
Drei Jahre lang, hielt ich tagelang 15 – 25 Attacken aus, die Tagesdosis sparte ich mir für die Wochenenden auf.

In der Klinik ist man fast verzweifelt, weil Jacobson Muskelentspannung bei mir zu mehr Spannung in den Muskeln und Schmerzattacken führte. Wenn ich heute entspannen will, dann darf ich die Augen auch nicht schliessen, den Körper nicht entspannen. Entspannung dehnt die Gefässe. Und die Gefässdehnung ist es, die die unterträglicen Schmerzen auslöst. Diese Sinnesüberreizung von Geräuschen und Gerüchen auslöst.
Es dauerte nach dem Klinikaufenthalt noch ein Jahr, bevor die richtige Diagnose gestellt wurde. Cluster-Kopfschmerz, eine trigemino-autonome Störung, keine Schmerzkrankheit. Schmerz ist nur das stärkste Symptom.

Entspannen kann ich nur im Kopf. Will ich körperliche Entspannung, muss ich schlafen. Ich habe gelernt, warum Kinder Computerspiele lieben, früher waren es die Gameboys, heute ist es das iPad. Super Mario, Tetris und Angry Birds entspannen. Dasselbe gilt für Fernsehsignale, die einen gewissen Rythmus haben.
Ich lebe zur Zeit mit ca. 20- 25 Attacken pro Tag. Ich bin aus medizinischer Sicht austherapiert. Medikamentös und chirurgisch (Ich trage ein Neurosstimulator im Körper) gibt es nichts mehr, was die Anfälle verringern oder verhindern könnte. Ich spritze 20- 25 mal am Tag subkutan das Medikament, das es inzwischen als Duplikat (Generika) gibt und das seit Ablauf des Patentes nur noch die Hälfte kostet.
Ich habe seither nie ein anderes Medikament gebraucht. In meiner Hausapotheke gibt s keine Schmerzmittel, nur Hustentropfen und Nasenspray. Ich habe bei einer Erkältung, die ich selten habe nämlich auch nicht mehr die Nerven Essigwickel oder andere Hausmittelchen auszuprobieren, sondern ich will möglichst symptomfrei sein.
Ich treibe keinen Sport mehr. Körperliche Anstrengung weitet die Gefässe und das wiederum triggert Attacken oder verstärkt bestehende. Bei Alkohol ist es ähnlich. Zu wenig löst zusätzliche Attacken aus, zuviel wirkt nur so lange bis die nächste Attacke die Wirkung aufhebt. Ja, ich hätte gerne mal einen Rausch, ich würde auch gerne mal rennen oder mehr als zwei Längen im Schwimmbad schwimmen, aber das mit dem Masosichmus wird maßlos überschätzt. Ich tue instinktiv alles, um zusätzlichen Schmerz zu vermeiden und ich gönne mir jedes Stück Zucker, jedes bisschen Fett, alles, von dem mein Gaumen meldet, es schmeckt.
Die Welt ist für mich so wie sie ist, nicht wie sie sein könnte. Das Leben findet für mich im Hier und Jetzt statt, nicht erst, wenn das und das eingetreten ist. Und wisst ihr was, es verschafft einem soviel Zeit und Freiräume, wenn man nicht den ganzen Tag Kalorien zählt, sich mit schlechtem Gewissen ein Stück Schokolade gönnt oder bei allem darauf achtet, dass man gesund lebt oder gesund isst.

Man hat, habe ich festgestellt, auch mehr Zeit für sich hat, wenn man nicht dauernd damit beschäftigt ist andere zu ändern oder gar die ganze Welt so umodeln, dass sie in die eigene passt. Und irgendwie wird die Welt dann doch noch zu einem ganz annehmbaren Ort.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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