Der Preis ein besserer Mensch zu sein

Wo leben wir denn? ist eigentlich die falsche Frage. Die richtige Frage müsste lauten, wären sie – die moralisch besseren Menschen – denn überhaupt bereit den Preis für ihr „Besser-als-die-anderen-sein“ zu zahlen.

rent

Dieser Tweet kam als Reaktion auf eine Twitterdiskussion, die auf moralische Abwege geriet. Eigentlich gings ums Thema „Autofahren“. Auf der grundsätzlichen Ebene. Jedefrau könne öffentliche Verkehrsmittel benutzen und aufs Auto verzichten. Frau müsse ja nicht auf dem Land wohnen und wenn ja, würde es auch da mit ÖV gehen. Wenn frau nur wolle. Dann kam die moralische Keule, zuerst wegen der Kosten, die Nichtautofahrer wegen der Autofahrer tragen müssten und auf Nachfrage der Tweet, bei dem mir der Kragen platzte.

caviglia

Nicht nur, weil mich ärgert, dass mir als Autofahrerin generell unterstellt wird, bequem zu sein und mich zuwenig zu bewegen, und zum anderen, weil ich dieses Argument mti dem KVG nicht mehr hören kann. Es ein „Totschlagargument“
Warum werde ich hier nun aufzeigen.

Ich koste die Krankenkasse monatlich so zwischen 16 000 und 18 000 Franken an Medikamentenkosten. Und nein, es sind keine Blutdrucksenkenden Mittel, noch habe ich Adipositas oder sonst etwas, was sich Dank täglicher Bewegung, sondern Clusterheadache (Interessierte können es nachschlagen). Es ist selten, in chronischer Form, wie ich leiden in der Schweiz vielleicht 10 -12 Personen. Eine tägliche Attackenfrequenz – Cluster tritt in Anfällen von 20 – 180 Minuten Dauer auf) von aktuell etwa 20 – 25 Clusterattacken (es waren auch schon bis zu 10 pro Tag mehr) haben ausser mir im deutschsprachigen Raum nur etwa insgesamt 3 Personen. Trotzdem ich koste und zwar viel.
Die Krankenkasse, das sei zu ihrem Schutz gesagt, hat alles (und das meine ich wörtlich) unternommen, um das Medikament nicht vergüten zu müssen. Ja sie hat sogar ca. 3 Jahre rausgeholt, in denen sie mir vom einzigen Mittel (Für Interessierte Wirkstoff Sumatriptan, subkutane Injektiion), das sich neben allen anderen Therapien als wirksam erwies nur für zwei Anfälle pro Tag vergütete.
Das eine Problem ist ich muss jede Attacke mit diesem Mittel akut bekämpfen und ich tue es auch. Das zweite Problem ist, dass zwei Einheiten 50 Franken kosten (bevor es ein Generika gab, kostete das Mittel mehr als das Doppelte)

Ich trage seit 4 Jahren einen Neurostimulator mit aufladbarem Akku im Körper. Er hat ohne OP 40 000 Franken gekostet. Es war der erste Occipitalnervstimulator (Interessierte bitte unter ONS suchen), der in der Schweiz implantiert wurde. Sseine Wirkungsweise basiert auf einer hypothetischen Annahme, deren Bestätigung oder Widerlegung nur möglich ist, weil sich ein paar Clusterpatienten diesem Eingriff unterzogen. Es wird noch einige Jahre dauern, bevor frau mit Sicherheit sagen kann, ob das Verfahren evident ist oder nicht.

Da Cluster im Gegensatz zu Migräne oder Spannungskopfschmerz einen Bewegungsdrang das sogenannte Restless-Syndrom (nicht verwandt mit Restless-Legs) auslöst und mich dazu zwingt herumzugehen, statt mich hinzulegen, ist es irrelevant, dass ich keine ÖV benutze (ich gehe lieber zu Fuss, als ein Tram zu nehmen).
Cluster ist energieintensiv, da bei jedem Anfall Stresshormone (Adrenalin, Cortison, Endorphin) ausgeschüttet werden. Ich esse daher „ungesund“ und „viel“ im landläufigen Sinne. Fett ist einfach der bessere Energielieferant als nur Kohlehydrate. Mit 5mal Gemüse am Tag würde ich schlicht verhungern.

Die Gefahr an Adipositas oder Diabetes mellitus zu erkranken sind somit gering. Ob der Stress irgendwann zu einer Herz-Kreislauferkrankgung führt oder ich einfach wegen des Verschleisses nicht sehr alt werde, steht irgendwo in den Sternen. Folgekosten wegend des hohen Medikamentenkonsums (Triptane) trage ich übrigens selber. Gefässverengende Mittel, die nur im Kopf wirken führen schlicht zu Zahnfleischschwund und Zahnarztkosen sind nicht vom KVG gedeckt. Die Befürchtunge Triptane könnten Herz-Kreislauferkrankungen oder Schlaganfälle zur Folge haben, wurden inzwischen wissenschafltich widerlegt (Interessierte, ihr wisst ja schon)

Cluster hat keinen Auslöser, frau kriegt es oder nicht. Das ist ausnahmsweise einfach. Die innere Uhr tickt wie eine Zeitbombe und bei denen das in den Genen einprogrammiert ist, tritt es mit 15 auf, bei den anderen mit 50.

Fakt ist, ich koste das öffentlich Gesundheitswesen monatlich soviel, wie sie einem ihres mittleren Kaders an Lohn bezahlen müssen. Diese Kosten tragen irgendwie alle Krankenversicherten mit, ob sie bei meiner Kasse sind oder nicht.

Ihr habt jetzt die Wahl:

– Ihr könnt mich mit Tipps über sogenannte „alternative“ Methoden eindecken. Ich verspreche Euch, ich werde sie alle ignorieren. Wenn je eine gewirkt hätte, hätte sie den Nobelpreis für Medizin erhalten.

– Ihr könnt mich an den Pranger stellen und mich zum Sündenbock für die steigenden Krankenkassenprämien machen

– Ihr könnt Euch darüber empören, dass ich für mich mitzahlen müsst, obwohl Ihr die besseren Menschen seid, weil ihr es bis jetzt geschafft habt, gesund zu bleiben

– Ihr könnt mich nicht zur Ausnahme erklären, bei der das schon in Ordnung ist. Das wäre unfair gegenüber allen anderen. Denen, die Blutdrucksenkende Mittel nehmen oder Insulin, die an Adipositas leiden oder an einer psychischen Störung.

– Ihr könntet natürlich und das wäre die einzig moralisch richtige Konsequenz, verlangen, dass nur bezahlt wird, was jemand auch einbezahlt hat.

Es steht Euch frei, dafür zu kämpfen, dass Ihr eine Krankenversicherung bekommt, wo jeder nur die Kosten erstattet bekommt, die er auf Grund seiner Prämien einbezahlt hat. Würde aber heissen, ihr dürft auch nie mehr einfangen als eine Erkältung, sonst wäre das Guthaben schnell aufgebraucht und ihr bekämt danach keinen Vertrag mehr mit einer Krankenkasse. Das war vor dem Einführen des KVG´s auch so.

Und eins hätte ich fast noch vergessen. Ihr könntet natürlich auch verlangen, dass Leute wie ich, die auf Eure Kosten Medikamente beziehen einfach eliminiert werden. Ihr könnt uns auch totschlagen, dann wäret ihr das Problem mit der Solidariät los und niemand müsste frustriert darüber sein, dass er für andere Prämien bezahlt.

Aber ihr könnt Euch mit Euren fahrlässigen Argumentationen vom hohen Ross, der moralisch besseren Menschen nicht der Konsequenz entziehen, dass irgendwwann irgendjemand auf Grund Eurer Äusserungen auch auf diese Idee kommen würde. Wir zahlen mit der „Schuld“, weil wir krank sind, ihr müsst mit der Konsequenzen zahlen, die Euer „Wir sind die besseren Menschen“ heraufbeschwören könnte. Es wäre nicht das erste Mal und es gibt bereits wieder Gesellschaften, die daran sind, die Auslöschung aller Unerwünschten einzuführen.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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2 Antworten zu Der Preis ein besserer Mensch zu sein

  1. tikerscherk schreibt:

    Ein sehr interessanter Artikel. Über Clusterkopfschmerzen wusste ich bislang nur wenig.
    Das einzig moralisch Richtige ist aus meiner Sicht, wenn Jede_r bekommt, was sie/er braucht.
    Das Einzahlungsprinzip kann den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht werden.
    Wer gesund ist, soll dafür zahlen, und denen, die nicht soviel Glück hatten die otwendigen Behandlungen ermöglichen. Ohne wenn und aber.

  2. Sascha Moore schreibt:

    „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Solidarität eben.

    Danke für diesen Beitrag.

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