Habemus Papam – Was unterscheidet Franziskus l von Benedikt XVI

Eins vorweg. Ich kann nicht hellsehen und was der neue Papst an Wünschen und Hoffnungen innerhalb der Kirche und der weltlichen Welt erfüllen wird, kann auch ich nur spekulieren. Interessant für diejenigen, die sich nie mit Kirchengeschichte auseinandergesetzt haben, dürfte jedoch die Ordenszugehörigkeit des neuen Papstes sein. Er ist Jesuit. Ein Orden, der keine Klöster betreibt und dessen Mitglieder weltweit in der Bildung tätig sind.

Der Orden der Jesuiten wurde 1534 als Gesellschaft Jesu gegründet. Als Gründervater gilt Ignatius von Loyola. Neben den üblichen Ordensgelübbden:
Armut, Keuschheit und Gehorsam wurde als 4. Gelübbde „Gehorsamkeit gegenüber dem Papst“ in die Statuten des Ordens aufgenommen.
Die Jeusuiten waren die ersten, die ebenfalls auf Initiative von Ignatius von Loyola neben Theologie auch Logik und antike Klassiker unterrichteten. Später kamen Naturwissenschaften wie Mathematik, Astronomie und Physik und die Geisteswissenschaft Philosophie dazu.

Die Jesuiten bildeten lange das wichtigste Bildungssystem in Europa. Da sie nicht in der Abgeschiedenheit eines Klosters lebten, sondern Wandermöchne waren, waren sie die erfolgreichsten Missionare. Sie verbreiteten sich auf der ganzen Welt, errichteten Schulen und Internate. Sie unterrichten weltweit an Schulen, Hochschulen oder Internaten 2 Millionen junge Menschen. Das Bildungsziel der Jesuiten entspringt dem Humanismus der Antike. Sie wollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die Menschen auf ihr späteres Leben vorbereiten. Bildung im christlichen Sinne.

Ihre weltweite Verbreitung, ihr Interesse für Naturwissenschaften und ihr 4. Gelübbde machte die Jesuiten immer wieder zu Opfern von Verschwörungstheorien in- und ausserhalb des Klerus. Zwischen dem 17.-und 20. Jahrhundert wurden sie verfolgt. In der Schweiz wurden sie 1873 – 1973 verfassungsrechtlich verboten. Ein Volksentscheid hob dieses Verbot wieder auf.
Jesuiteninternate wie das in Engelberg oder in Feldkirch genossen einen ausgezeichneten Ruf und waren Bildungsstätten für Zöglinge der Eliten. Sie waren nur Jungen. Ehemalige Internatsschüler berichten, dass es auch da wie in allen geschlechtergetrennten Privatschulen zu Übergriffen gekommen sei. Auch Jesuiten zu sein, macht aus einem Mann keinen Heiligen.

Der Jesuitenorden ermöglicht es jungen Männern auf der ganzen Welt unabhängig von Herkunft zu kostenlos zu studieren, zu reisen und einer Lehrtätigkeit nachzugehen ohne an eine mit strengen Regeln und Ritualen versehene Gemeinschaft gebunden zu sein.

Die Jesuiten gelangten in der Gefolgschaft der spanischen Eroberer nach Südamerika. Sie hinterliessen positive wie negative Spuren. Es waren grausame Mörder unter ihnen, aber auch solche die dazu beitrugen, dass soziales Gedankengut in die Kolonien gelangten und die „Befreiungstheologie“ begründeten.

In Europa innerhalb des Klerus und insbesondere innerhalb der Kurie im Vatikan bilden sie den Gegenpol zu „Opus Dei“ einer dogmatisch, konservativen sektenähnlichen Geheimorganisation, der auch der alte Papst nahe stand. Der Gründer von Opus Dei José Maria Escrivá wurde 1992 von Johannes Paul II heilig gesprochen. Ein Akt, der in theologischen Kreisen als Rückgang des Einflusses der Jesuiten in der römisch katholischen Kirche interpretiert wurde.

Nun wurde nicht nur ein Nichteuropäer zum Papst gewählt, sondern auch ein Jesuit. Das ist für Beobachter und Kenner der Materie eine Überraschung. Übersetzt für hiesige Verhältnisse wäre das gleichbedeutend wie eine rot-grüne Regierungsmehrheit. Daraus lässt sich aber nicht zwingend ableiten, dass der neue Papst inhaltlich moderater sein wird als der Alte. Er ist nach wie vor Katholik und ein 76jähriger Mann. Noch ist nicht klar, wie er zur Befreiungstheologie in Lateinamerika steht, zur Verhütungsfrage oder zu der Stellung der Frau in der Kirche.
Er hat als Staats-und Kirchenoberhaupt absolute Macht. Der Vatikan ist ein eigener Staat, aber keine Demokratie. Er kann personelle Wechsel vornehmen, Bischöfe und Kardinäle ernennen oder absetzen und Ehen für ungültig erklären, aber er kann die kirchliche Lehre nicht einfach ändern. Er kann sie abgeändert interpretieren oder ein Konzil einberufen an dem dann über religiöse Inhalte sprich Dogmen entschieden wird.

Er ist ein Mensch und als solcher wird er entscheiden, wie er sein Amt interpretiert und wie er mit seiner Machtfülle umgehen wird. Er ist nicht alleine. Er ist umgeben von alten Männern, die die Kurie bilden, von solchen, die ihm näher stehen und solchen, die er nicht kennt. Egal was die Menschen an den Fernsehschirmen und auf dem Petersplatz auch für Wünsche an ihn haben, sie werden zweitrangig sein. Die, die ihn gewählt haben, die werden eigene Erwartungen an ihn haben und die Möglichkeit die direkt bei ihm zu deponieren. Dieser Druck wird grösser sein, als die der Herde der Gläubigen.

Eine Papstwahl ist eine innerkirchliche Angelegenheit, die von ein paar Auserwählten vorgenommen wird. Es ist somit ähnlich wie eine Bundesratswahl. Man wählt einen aus den eigenen Reihen und das sicher mit einem gewissen Kalkül. Die Frage wäre also, warum wurde der Argentinier gewählt? Eine These dazu vom Experten in der Rundschau auf SRF heute abend war, man wollte bewusst keinen Europäer. Man wollte einen, der sich in der Kurie nicht auskennt. Also in der Verwaltung, da wo Stellungen und Machtbereiche als Pfründe seit Jahrzehnten von denselben Leuten oder Organisationen besetzt werden. Die letzten zwei Päpste widmeten sich diesem Bereich aus unterschiedlichen Gründen nicht. Der eine hatte zuwenig Durchsetzungskraft, der andere war schlicht in geistlichen Gefilden unterwegs und interessierte sich nicht für Weltliches. Ein Europäer kennt sich aus, so einer hätte auf die Idee kommen können, diesen Augiasstall auszumisten. Ein Lateinamerikaner muss sich erst im Dschungel der Verfilzungen von Kirche, Politik und Wirtschaft zurechtfinden, bevor er etwas entscheiden kann. Und wer ihn wie und worüber informiert entscheiden eben diejenigen, die ihre Pfründe bewahren wollen. Wenn er kein Netzwerk ausserhalb dieses Dschungels hat, wird ab jetzt, abgeschirmt wie er in seinem neuen Amt ist, auch nicht mehr erfahren, als man will, dass er erfährt.

Franziskus I mag ein netter publikumswirksamer Papst sein, aber er ob er etwas verändern wird, hängt von vielen Faktoren ab, auf die die Basis der Gläubigen keinen Einfluss haben. Das Image der katholischen Kirche ist schwer angeschlagen. So schwer, dass der Neue sich weit aus dem Fenster lehnen müsste, wenn er das nachhaltig verbessern will.
Die Kirche ist noch immer eine von Männern geführte autoritäre Organisation.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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