Sexismus heisst ein Leben lang schuldig zu sein Teil l

Als Fasnachtsinstallation in Luzern in den Socialmedias erschien, entschied ich mich zu dem Thema nicht öffentlich Stellung zu beziehen. Dann kam der Twitterhastag #Aufschrei und Sexismus zu einem heiss diskutierten Thema im deutschsprachigen Raum. In mehreren Blogs wurden die Aspekte des Themas beleuchtet. Ich will noch etwas weitergehen.

1. Punkt
Frau kann sich dem Thema nicht entziehen. Wir sind entweder alle Opfer oder potentielle Opfer von Sexismus und sexueller Gewalt. Wir entwickelen tagtäglich, ein ganzes Leben lang Strategien, um diesen zu entgehen und bleiben ein Leben lang, Täterinnen oder potentielle Täterinnen. In die Opferrolle werden wir gedrängt, sie zu leben dazu zwingt man uns subtil und in stiller Übereinkunft. Sich entziehen ist nicht möglich.

2. Punkt
Ich bin Betroffene und obwohl das Ganze vor 37 Jahren stattfand seit über 20 Jahren aufgearbeitet und verdaut, der Täter verurteilt wurde, verfolgt mich das Thema in verschiedenen Verpackungen, alle in irgendeiner Form von Schuldzuweisung, noch immer. Wie werde ich im Folgenden aufzeigen.

Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Ich war dreizehn Jahre alt, verpasste an einer Faschingsveranstaltung den letzten Bus, meine Mutter reagierte so wütend am Telefon, dass ich mich gar nicht mehr nach Hause getraute und statt einer Mitfahrgelegenheit eine Mitschlafgelegenheit erhielt. Der Preis dafür war Mitrinken und die unangenehme Erfahrung des ersten Zungenkusses. Süss gespritzter Weisswein, der sich trank wie Sirup. Heute würde man mich wohl in den Notfall bringen und es wäre von Komasaufen die rede. Damals hat es die Zöllner im Schweizerisch-Deutschen Grenzstädtchen nicht im Geringsten interessiert, dass ich über die Brücke in den Rhein gekotzt habe. Der Typ -ich kenne bis heute seinen Namen nicht -nahm mich mit nach Hause, liess mich aber nicht schlafen. Der Alkohol hatte auch sein Gutes, er schlief, kaum in mich eingedrungen auf mir ein.
Die Angst im Schlaf zu ersticken begleitet mich noch heute.

Am anderen Tag griff mich die Polizei auf, verhörte mich auf eine demütigende Art und Weise und brachte mich nach Hause. Später folgte noch eine Gegenüberstellung – ich konnte mich an Strasse und Hausnummer erinnern -, dann hörte ich nie wieder etwas von den zuständigen Behörden.
Zu Hause gabs eine Ohrfeige, die mich durchs Zimmer schleuderte – die letzte, die ich bekam, danach gedroht zurückzuschlagen -und jede Menge Schuldzuweisungen nach katholischem Strickmuster. „Du landest auf dem Strich“ sagte man mir, „und in der Hölle“. Letztere hat man mir aber alleine schon dadurch geschaffen, dass die Tat totgeschwiegen wurde, das Thema mit mir als Täterin und in der Familie als Sünderin noch heute aufgewärmt wird.

„Du warst halt schon immer schwierig“ oder „Du hast damals saublöde getan“ und Ähnliches wird heute noch als Argument vorgebracht. Meine Mutter spann die Fäden und zementierte sich ihre katholische Weltsicht damit, dass sie die „Schande über die man nicht spricht“ zur Erklärung für alles machte, was aus mir eine rebellierende Jugendliche und später eine unanständige Frau machte. Der Status der „Querulantin“, der „Schwierigen“ war damit zementiert.
Und ich lebte 15 Jahre im Glauben, ich sei selber schuld.

Eine ähnliche Installation, wie die vom Luzerner Bahnhof, an einer Ausstellung über Missbrauch in Graz, haben die längst verdrängten Emotionen wieder ans Licht geholt. Mit so viel Wucht, dass ich 10 Stunden lang in einem Zugabteil sass und nur noch heulte. Dann habe ich es aufgearbeitet, es nochmal in Gedanken durchlebt und mich auf Spurensuche begeben. Den Namen des Täters haben mir die Justizbehörden nicht geben können. Akten waren längst nicht mehr vorhanden oder im Archiv. Eine damals an der Strafverfolgung beteiligte Polizistin im Ruhestand, konnte mir nur sagen, dass der Täter verurteilt wurde (den Namen wollte oder durfte sie mir auch nicht sagen) und meine Eltern bestimmt informiert worden seien. Meine Mutter wusste von nichts, konnte sich nicht mehr erinnern und wies das Ganze mit Bestimmtheit zurück.
Als sie erfuhr, dass ich in der Zwischenzeit als Prostituierte tätig war, sagte sie jedoch:“Ich habe es ja gewusst, dass es mit Dir mal soweit kommt“.
Worauf ich antwortete: „Ich habe nur Deine Erwartungen erfüllt“. Aus der Opferrolle Tochter war ich schon voher ausgestiegen.

Um Missverständnisse zu vermeiden. Ich wusste die ganzen 15 Jahre, was damals passiert war, es hatte mich jedoch nicht berührt. Kurz nach dem Ereignis wollte ich mit dem Kinderpsychiater, zu dem ich geschickt wurde, weil ich danach ziemlich gegen Familie und Kirche rebellierte als verhaltensauffällig galt, darüber reden, aber blockte meine Versuche immer ab. 15 Jahre später verlangt ich Akteneinsicht und er gestand mir beschämt, dass es damals halt einfach noch kein Thema gewesen sei.

Es ist seit zwei Jahrzehnten ein Thema. Schon in der Aufarbeitungsphase habe ich gelernt, wenn ein Thema da ist, dann wird es besetzt von Laien und Fachleuten gleichermassen. Laien haben eine Meinung dazu, die ihrem Weltbild entspricht und Fachleute haben eine Meinung dazu, die dem Lehrbuch entspricht. Keine von uns passt ins Lehrbuch. Kein Trauma lässt sich in eine Norm pressen und keine Theorie wird den Opfern gerecht.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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