Sexismus heisst ein Leben lang schuldig sein Teil ll

Wie schon im ersten Teil erwähnt, ist ein Thema einmal da, wird es besetzt. Wie eine leere Leinwand füllt es jeder und jede mit ihren ganz persönlichen Projektionen und Vorstellungen.

Nachdem bei mir nach 15 Jahren der emotionale Damm gebrochen war, kam zuerst die Trauer, dann die Wut. Ich habe mich an einen geschützten Ort zurückgezogen – mir standen die Zeit und die Mittel glücklicherweise zur Verfügung – und habe sie rausgelassen die Wut und den Zorn. Dann erst bin ich in die Therapie gegangen. Die Therapeutin konnte anfangs nicht verstehen, dass ich nicht auf den Täter wütend war, sondern auf die Reaktion meines damaligen Umfeldes. Der Täter blieb eine Art Schatten, war und ist bis heute für mich nicht wichtig. Verletzt hat das Gebahren meines Umfeldes, die unzimperliche Art der deutschen Polizei, das stark katholisch geprägte private Umfeld und die Verweigerung über das, was nicht sein darf, zu sprechen.

Später kamen dann all diese Thesen und Lehrmeinungen dazu. Solange ich im Gastgewerbe arbeitete wusste es niemand. Belästigung war trotzdem an der Tagesordnung. Frau lernt schnell sich zu wehren und tut das auch, aber es ist wirklich mühsam, immer diejenige sein zu müssen, die reagiert. Dann als zickig abgestempelt zu werden.
Die Gesellschaft schreibt die Rollen von Weiblein und Männlein vor und nicht alle haben die Kraft sich dieser Rollenzuweisung zu entziehen. In meinem späeren Beruf habe ich festgestellt, dass es durchaus auch für Männer anstrengend sein kann, sich diesem Gruppendruck zu beugen und bei Dingen mitzumachen, die ihnen nicht gefallen, bei frauenfeindlichen Witzen mitzulachen, um bloss als richtiger Mann wahrgenommen zu werden.

Es gab in meiner Zeit als Bedienung durchaus Wirte und Wirtinnen, die es gerne gesehen hätten, wenn ich mit ihren Stammgästen ins Bett gestiegen wäre. Diese unausgesprochenen Erwartungen haben für mich zu Ärger mit den Arbeitgeberinnen und zu Frust bei der Kundschaft geführt. Wenn ich merkte, dass es nicht darum ging, dass ich Essen und Trinken servierte, sondern auch noch lieb sein sollte mit den Gästen, habe ich den Job gewechselt. Was zu regelmässigen Streitereien mit meiner Mutter fürhte. Ich müsse mich halt mal zusammenreissen und länger an einem Ort bleiben. Mit 25 Jahren habe ich einen Strich darunter gezogen und fand ich bin nicht dazu da, um die Erwartungen meiner Mutter, der Gesellschaft oder jemand anderem zu erfüllen. Dieser Entscheid half mir dann auch bei der Aufarbeitung und bei dem was noch Jahre danach folgte.

4 Jahre nachdem ich mich für den Beruf Hure entschieden hatte, kam trat ich damit an die Öffentlichkeit um gegen die Stigmatisierung anzukämpfen. Es war nur natürlich, dass nach Gründen dafür gesucht wurde. Ich konnte aber nur einen akzeptablen liefern. Als Bedienung habe ich mich nicht mit Gästen eingelassen, ja Männer interessierten mich schon, aber nicht viele. Und ich zog feste Beziehungen one-night-stands vor. Dass ich als Single nicht mit jedem Verehrer oder wer sich dafür hielt ins Bett stieg, schädigte meinem Ruf nur umso mehr. Die Abgewiesenen hatten es in der Hand meinen Status zu definieren. Solange ich nicht gerade in „festen Händen“ war, war ich ein Flittchen, eine Hure. Das mag sich inzwischen ja geändert haben, damals war das mit realen Nachteilen z.B. bei der Wohnungssuche verbunden.
Ich entschied mich, wenigstens meinen sozialen Status selber zu definieren und wurde Prostituierte. Ich nahm Geld für etwas, das sowieso fast alle Männer von mir wollten und damit die Macht zu mir. Über die Preisbestimmung definierte ich auch meinen Wert selber.

Aber ich musste mich immer wieder dagegen verwehren, dass die Vergewaltigung Auslöser für diesen Entscheid gewesen war und so oft ich auch sagte, letztlich habe ich es gemacht, um Geld zu verdienen, meine Miete zu bezahlen, gut zu leben und auf einem Markt zu arbeiten, in dem ich keine männliche Konkurrenz habe, die mir nur auf Grund des Geschlechts vorgezogen werden konnte, es wurde nicht wahrgenommen. Es passte nicht ins Bild.

Frau muss ins Bild passen. Männer auch, nur Männer haben das Bild bestimmt und haben es somit leichter. Sie genügen oft, einfach weil sie Männer sind. Frauen genügen nie wirklich, weil die Ansprüche an sie viel vielfältiger sind. Ich bin in den Augen meiner Mutter ungenügend, weil ich nie heiratete und Kinder hatte, und sie hat es mit dem schlechten Vorbild, als das sie mich hinstellte meiner Schwester auch schwer gemacht.

Als ich 1992 Projektleiterin für Aidsprävention im Sexgewerbe APiS bei der Aids-Hilfe-Schweiz AHS wurde, galt ich für viele als ungenügend, da ehemaliges Mitglied der Zielgruppe und somit betroffen (wenn auch nicht HIV-positiv). Betroffene, Zielgruppenmitglieder haben auch so einen unterschwelligen Opferstatus. Opfer heisst in allen Bereichen, dass man den Betroffenen die Selbstbestimmung abspricht und sie fremdbestimmen will. Es gab sogar homosexuelle Männer, die ernsthaft behaupteten, meinen Job in der Prävention für ausländische Sexarbeiterinnen genauso gut, wenn nicht noch besser machen zu können.
Das Projekt APiS ist letztes Jahr 20 Jahre alt geworden, längst in vielen Regionen institutionalisiert und wird immer noch von Frauen geleitet.

1998 musste ich meinen Job aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Ich litt seit Jahren an starken Gesicht-und Kopfschmerzen. Die richtige Diagnose erhielt ich erst 2001. Es soll noch heute Neurologen geben die glauben Clusterkopfschmerz können nur Männer bekommen. Ich bin eine Frau, meine „Kopfschmerzen“ mussten psychisch bedingt sein. Den Ausdruck hysterisch verwendet man nicht mehr. In meinen alten Krankenakten steht dafür „emotional instabil“ als Ursache und Diagnose. Einen unverhältnismässig grossen Raum in der Anamnese nahm immer der Vorfall der sexuellen Gewalt in meiner Jugend ein und selbstverständlich musste auch die Prostitutionstätigkeit irgendwie verantwortlich sein für diese ungewöhnlich starken und häufig auftretenen Schmerzattacken.

Clusterkopfschmerzen sind kein Zuckerschlecken. Statt adäquater Behandlung dauernd auf ein längst aufgearbeitetes Trauma verwiesen werden, subtil als selber schuld an den Qualen zu sein, das ist auch eine Folge von Sexismus. Opfer muss man nicht ernst nehmen. Opfer darf man fremdbestimmen.
Selbst als die Diagnose stand und damit auch die Behandlung gab es noch ein paar ganz Sture, die mich retten wollten und mir ganz konkret das Leben schwer machten. Es hat lange gedauert bis die Krankenkasse vom höchsten Gericht gezwungen wurde, die Behandlungskosten zu übernehmen. In den insgesamt 5 Jahren Rechtsstreit mit meiner Krankenkasse wagte es der stellvertretende Geschäftsleiter gegenüber meiner Anwältin zu sagen: „Frau Obrist ist halt auch schwierig“. Worauf sie erwiderte:“ Erstens ist das keine medizinische Diagnose und Zweitens ist es juristisch irrelevant“

Inzwischen ist die rein organische Ursache für Clusterkopfschmerz mehrfach mit dem Verfahren PET belegt worden. Was nicht heisst, dass es noch immer Leute gibt, die mir weismachen wollen, ich müsste nur mein Leben, meine Einstellungen oder meine Ernährung ändern, dann würde die als unheilbar geltende Krankheit geheilt.

Das Ereignis damals hat mich wohl weniger geprägt, als so mancher gern hätte. Geprägt hat mich die Reaktion des Umfeldes, die Frauenverachtende Haltung der katholischen Kirche. Sie hätte mich auch „schwierig“ gemacht, wenn es diesen Vorfall damals nicht gegeben hätte. Nie geheiratet habe ich, weil als ich 20 Jahre alt war, das Schweizer Eherecht frauenfeindlicher war, als das türkische. Vergewaltigung in der Ehe war bis zur folgenden Revision nicht strafbar und ohne Erlaubnis des Ehemannes durfte eine Schweizerin nicht arbeiten.

Solche gesetzlichen Diskriminierungen hat die Frauenbewegung zwar in den letzten Jahren verändern können, aber in den Köpfen vieler, Männer wie Frauen, ist die Frau immer noch diejenige, die schuld ist, wenn sie belästigt wird, diejenige die die Konsequenzen sexueller Übergriffe auszubaden hat, diejenigen die die Verantwortung trägt, dass Männer so sind wie sie sind, denn sie erzieht sie ja.

Täter darf man nicht ein Leben lang für ihre Taten verantwortlich machen, Opfer schon. Darum ist es so praktisch Opfer und sie nicht aus der Opferrolle entlassen zu wollen.

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Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
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Eine Antwort zu Sexismus heisst ein Leben lang schuldig sein Teil ll

  1. Christiane W. schreibt:

    Ich denke schon, dass es mit der Zeit besser geworden ist. Wenn früher eine Frau von einer Übergriffigkeit berichtete, hätte man ihr nicht geglaubt, man hätte sie nach Beweisen gefragt, ihr die Mitschuld gegeben und jedenfalls NIEMALS den Namen des Täters veröffentlicht. Der Fall Brüderle hat daher eine neue Qualität. Und die Debatte hat bereits andere Frauen ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen und Namen zu nennen:
    http://deraufschrei.wordpress.com/2013/01/27/endlich-werden-die-tater-genannt/

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