Neulich in Feldkirch

Ob er mich auf einen Kaffee einladen dürfe, hat er mich gefragt und als ich spontan zusagte – ich hatte gerade Zeit und Lust auf einen Kaffee – fragte er schüchtern, ob er dann in diesem Fall mit Ärger seitens meines Freundes zu rechnen hätte. Da hab ich noch gelacht, als ich nein sagte.
Und dann sassen wir im Rauchercafé und tranken Kaffee und Wein und er sprach nicht von Lust und Sinnlichkeit, sondern nur von Neid. Von Neid auf die Anderen, die Fremden, die Ausländer, das „Gesockse“ wie er es nannte. Ein alter Mann, so um die siebzig, im Ruhestand, kommt fast jeden Tag von Liechtenstein nach Feldkirch, weil in Vaduz nichts los ist. Da gäbe es nur noch Banken, sagte er.
Wir waren uns in der Traffic begegnet und dort ins Gespräch gekommen. Irgendetwas Banales, das man halt so mit Menschen redet, die man nicht kennt.

Im Rauchercafé lief eine Sportsendung. Bordercrossrennen in Montafon, im Silvretta-Skigebiet. Das interessiere ihn nicht, sagte er.
Auch Fussball schaue er nicht mehr. Da spielen keine Österreicher mehr, da spielen all die Schwarzen, die sie reinholen, da schaue er sich nicht mehr an.
„Kennst Du Tito?“ fragte er. „Nicht persönlich“, versuchte ich zu scherzen.
„Der Tito, der hat, “ meinte er mit ernsthaften Gesicht, „der hat ganz Jugoslavien zusammengehalten. Seit der weg ist, ist das ganze Pack bei uns.“ Und dann sagte er ich sei eine schöne Frau und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel.

Ich nahm sie, schob sie weg und sagte bestimmt:“Hände bleiben auf dem Tisch“. Er lachte verlegen und nahm einen Schluck von seinem Wein Er stand auf, drehte sich zu mir, legte die Hand auf die Brust und sagte so als hätte die erzwungene Intimität eine vertrauliche Nähe zwischen uns geschaffen:“ Ich muss Dir was gestehen. Ich bin ein Brauner. Ich finde den Hitler gut.“
Als ich schwieg, redete über die Ausländer, die nicht hierhergehören, die alles verschmutzen und die öffentlichen Verkehrsmittel verstopfen. Und überhaupt.
Ausländer, meinte ich, sind wir doch beide auch. Du als Liechtensteiner, ich als Schweizerin hier in Österreich. Das sei nicht dasselbe. Wir seien doch alle deutschsprachig.

Vom Fürsten sprach er weiter. Vom Fürsten, auf den er nichts kommen lasse, weil der Liechtenstein gross und erfolgreich gemacht hätte. Er zahle als Pensionist keine Steuern. Die Schweizer und Österreicher und all diejenigen die in diesem Ungetüm EU seien, zahlen auch noch Steuern, wenn sie pensioniert seien, sagte er wie um mich zu überzeugen, dass er an das Richtige glaube.
Der Fürst könne doch nicht alleine für den Wohlstand Liechtensteins verantwortlich sein, erwiderte ich, im hilflosen Versuch, das Gespräch auf eine andere Ebene zu leiten.
Er wurde wütend. Wütend für seine Begriffe. Er ist ein netter alter Mann, etwas unscheinbar und klein, aber nicht grobschlächtig, kein Rülpel. Und so will er auch nicht wahrgenommen werden.
Auf den Fürsten lasse er nichs kommen, sagte er und aus ihm sprach die Überzeugung. Meine Einwände, der Fürst sei doch noch gar nicht so lange in Liechtenstein, hätte doch vorher in Wien residiert, liess er nicht gelten. Das sei vor dem 2. Weltkrieg gewesen, lange her. So als gelte das nicht. Alles andere schon, aber das nicht.

Darauf hatte ich nichts zu erwidern, ausser, dass ich jetzt losmüsse. Was will man noch sagen in solchen Augenblicken, wenn es kein zurück mehr gibt. Zurück auf ein banales Gespräch, das man mit fremden Menschen im Café sonst so führt.
Ich habe mich für den Kaffee bedankt und bin gegangen.

Advertisements

Über eidgenossin

Ich bin Jahrgang 63, Wissens-und Bildungsjunkie, Bezügerin eine Invaldienrente wegen chronischer Krankheit (Clsuter-Headaches) Meine Fachgebiete sind Sozialversicherungsrecht. Ich war früher Projektleiterin der Aids-Hilfe-Schweiz und leitete das Projekt APiS. Es wurde 2012 20 Jahre alt und existiert noch immer. Ich gehe mit offenen aber auch kritischen Augen durch die Welt und habe ein fast fotografisches Gedächtnis
Dieser Beitrag wurde unter Blog abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s